Editorial 12/2016

Was können wir tun? Diese Frage bewegt uns wohl alle, wenn wir durch die vielen Nachrichtenkanäle und in direkter Begegnung mit Menschen, die zum Beispiel aus Kriegsgebieten zu uns geflohen sind, die Krisen dieser Welt spüren. Und diese Frage bewegte auch uns bei der Arbeit an dieser Ausgabe. Deshalb haben wir uns auf die Suche begeben, um Menschen zu finden, sie sich in verschiedenen Bereichen politisch, sozial oder ökologisch engagieren und dabei die tiefe Verbundenheit in unserer globalen Welt im Blick haben. Aktivisten unterschiedlicher Couleur, die aber auch noch eine andere Verbundenheit in ihre Arbeit einbeziehen: die Verbundenheit mit dem Leben und seiner Quelle, wie immer wir dieses Geheimnis auch nennen mögen. Die Frage »Was können wir tun?« richtet sich dann gleichzeitig nach innen und außen, spricht eine Transformation im Bewusstsein und einen Wandel in der Welt gleichermaßen an. Beides hängt untrennbar zusammen. Aber wie?

Für uns als Redaktion war diese Ausgabe eine der herausfordernsten bisher. Wir haben lange damit gerungen, was denn ein neuer Aktivismus sein könnte. Wie sich diese Verbindung von innerem und äußeren Wandel leben lässt, ohne sich im Kampf gegen etwas aufzureiben oder zu meinen, man könnte Frieden herbeimeditieren. Zu unserem Glück sind wir Menschen begegnet, die durch ihr Leben, Denken und Wirken erste Antworten auf diese Frage geben. Und vielleicht geht es auch nicht um eine letztgültige Antwort und Handlungsanweisung, sondern darum, diese Frage wachzuhalten: Was können wir tun?

Berührt haben uns Aktivisten wie Mallika Dutt, die sich seit Jahrzehnten für soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung der Frauen einsetzt. In Indien hat sie zum Beispiel eine sehr erfolgreiche Kampagne gegen häusliche Gewalt initiiert. Heute stellt sie sich die Frage nach dem richtigen Tun neu und erforscht »post-oppositionellen Aktivismus«, ein Weg des Engagements, bei dem sie nicht gegen jemanden oder etwas kämpft, z. B. die Männer oder die gesellschaftlichen Strukturen, sondern das Bestehende in die Lösung der Probleme miteinbezieht. Inspiriert wird sie dazu aus der Erfahrung unserer tiefen menschlichen und spirituellen Verbundenheit. Einen ähnlichen Weg ging Alnoor Ladha, der verschiedene Nicht-Regierungs-Organisationen beraten hat und im Vorstand von Greenpeace USA mitarbeitet. Auch er sieht im Zulassen einer tieferen Dimension unseres Menschseins und der Welt einen neuen Impuls für den Aktivismus, den er in einem Netzwerk für junge Engagierte, dem »Activist Ashram« umsetzt. Er weist auch auf einen Aspekt hin, dem wir in unseren Gesprächen für diese Ausgabe immer wieder begegnet sind: Wie sehr der bisherige Aktivismus oft aus der gleichen Denkweise, dem gleichen Bewusstsein kommt, wie die Probleme, die er zu lösen versucht. Eine Ursache dieser alten Denkweise ist eine materialistische, deterministische, lineare Vorstellung einer Welt, die aus voneinander getrennten Einzelwesen besteht. Viele der Aktivisten, die wir für diese Ausgabe interviewt haben, gehen von einer anderen Erfahrung der Wirklichkeit aus, als tief vernetztes, nicht-lineares Beziehungsfeld, in dem wir alle miteinander und unserer Umgebung verwoben sind.

In seinem Leitartikel beschreibt Thomas Steininger, dass »globale Bewusstseins- und Beziehungsnetze« ein wichtiger Bestandteil eines neuen Aktivismus sind, und skizziert eine Geschichte des Aktivismus, die uns den heute nötigen Perspektivwechsel vor Augen führt.

Ein Beispiel für diesen Bewusstseinswandel ist die Arbeit von Pi Vilarazza auf den Philippinen, der im Kontext der neuen autoritären Regierung nach tieferen Ansatzpunkten für den Wandel sucht. Oder Karen O’Brien, die sich als Klimaforscherin dafür einsetzt, dass wir den Klimawandel nicht nur als technisch zu lösendes Problem betrachten, sondern als eines, das nur durch einen Wandel in den Menschen gelöst werden kann. Inspiriert wird sie dabei von dem neuen Forschungsfeld der »Quantum Social Theory«, das auch Elizabeth Debold in ihrem Artikel aufgreift, um zu sehen, wie sich durch eine Überwindung des trennenden Denkens zwischen den Geschlechtern neue Antworten in der Welt zeigen können.

Um dem Fokus auf ein kreatives Handeln in der Welt Ausdruck zu geben, haben wir für die Gestaltung dieser Ausgabe nicht wie üblich einen Künstler gewählt, sondern eine Kunstform, die Streetart. Beispielhaft zeigen diese meist jungen, innovativen Künstler und Künstlerinnen, wie mitten im Bestehenden visionäre Impulse gepflanzt werden können.

Als solch einen visionären Impuls verstehen wir auch unser Magazin evolve. Und auch als eine Form von Aktivismus. Jede Ausgabe stellt uns von Neuem die Frage: Was können wir tun? Aktuell ist dies auch eine ganz existenzielle Frage, denn wir brauchen dringend weitere finanzielle Unterstützung, um evolve weiter herausgeben zu können. Wenn wir diese Unterstützung nicht bekommen, können wir nur noch zwei Ausgaben produzieren. evolve war von Beginn an ein ideell motiviertes Projekt und ist dauerhaft auf Förderung angewiesen. Wir wollen „Landebahnen für die Zukunft“ entstehen lassen und dafür brauchen wir Menschen, die uns auch weiterhin dabei unterstützen. Wenn Sie uns direkt finanziell unterstützen möchten, wenn Sie Ideen zu unserer Finanzierung haben oder Stiftungen oder Menschen kennen, die uns vielleicht unterstützen möchten, dann können Sie Teil des evolve-Förderkreises werden. Jeder Beitrag hilft uns weiter! Wir freuen uns über Ihre E-Mail oder Ihren Anruf (weitere Infos dazu auf www.evolve-magazin.de/foerderkreis.)
Wir von evolve hoffen, dass wir uns die Frage »Was können wir tun?« noch oft zu Beginn der Arbeit an einer neuen Ausgabe stellen können. Und wir hoffen, dass Sie durch das Lesen dieser Ausgabe neue Impulse für ihr Sein und Tun bekommen.

Herzlichst
Mike Kauschke


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