EDITORIAL 16/2017

Ein Blick in die Welt genügt, um ihre Wunden zu sehen. Ein Blick in unser eigenes Leben genügt, um zu spüren, dass auch wir verwundet wurden und andere verletzt haben. Wie hängt beides zusammen? Und wie können aus einem Verstehen und Erspüren dieses Zusammenhangs neue Ressourcen der Heilung entstehen? Für die Welt und für uns selbst. Heilung wird bisher zumeist als ein rein individueller Prozess verstanden, die heutige Therapiekultur legt darüber Zeugnis ab. Die Heilung einer Kultur ist eher ein ungewöhnlicher Gedanke, wobei es in jeder Kultur immer auch Aktivisten gibt, die sich den Schattenseiten eines kulturellen Umfelds zuwenden. Aber welche Möglichkeiten eröffnen sich, wenn wir die Verschränkung von individuellen und kollektiven Schatten und Traumata beleuchten? Dies war eine unserer Ausgangsfragen für diese Ausgabe. Und die Arbeit daran fühlte sich oftmals wie das Gehen auf dünnem Eis an. Vielleicht weil es um das Sensibelste unseres Menschseins geht, unsere Wunden und den damit verbundenen Schmerz. Bald wurde uns klar, dass ein Ausdruck des kulturellen Traumas unserer westlichen Gesellschaft vielleicht genau darin liegt, den Schmerz weghaben zu wollen. Uns in einen kollektiven Normalzustand einzupegeln, in dem wir unseren Wohlstand gegen eine Welt in Not abzusichern versuchen. Oder individuell Therapien oder Selbsthilfeangebote zu durchlaufen, um unseren Schmerz loszuwerden oder nicht mehr zu spüren. Aber vielleicht ist eigentlich die Annahme unseres individuellen und kollektiven Verwundetseins der erste und wichtigste Schritt zur Heilung, in dem wir zu einem Lichtblick für die Welt und füreinander werden. Und vielleicht kann uns die Sorge um die Welt auch ein Stück weit von den Sorgen um uns selbst befreien.

Wie sehr sich unser Blick weiten kann, wenn wir uns der Welt in all ihrer Komplexität zuwenden und die damit auch verbundene Hilflosigkeit aushalten, beschreibt Thomas Steininger in seinem Leitartikel. Für ihn ist der menschliche Dialog, in dem der Schmerz der Welt Raum hat, auch ein Ort der Heilung und der zwischenmenschlichen Erneuerung.

Solche Räume, in denen das Trauma einer Kultur sich zeigen und gesehen werden kann, wollen die israelische Künstlerin Yehudit Sasportas und der österreichische spirituelle Lehrer Thomas Hübl in ihrem Pocket Project schaffen. In einem ausführlichen Artikel, der auf Interviews mit dem Kernteam des Projekts basiert, zeigt sich die Relevanz einer kulturellen Heilung. Denn für die Initiatoren des Pocket Project wird unsere Fähigkeit, auf die vielen aktuellen ökologischen, sozialen und technologischen Herausforderungen zu antworten, durch ungesehene Traumata in den Kulturen stark eingeschränkt.

Was es bedeutet, wenn sich unterschiedliche kulturelle Perspektiven begegnen, wird erlebbar in unserem moderierten Gespräch zwischen dem indischen Pädagogen Pawan Gupta und dem US-amerikanischen integralen Denker Terry Patten über die Folgen der Kolonialisierung und die »Würde der Moderne«. Hier zeigt sich, wie sehr der Blick auf die Welt durch unsere eigenen kulturellen Annahmen geprägt wird. Und was zwischen uns entstehen kann, wenn wir der Sicht des anderen in Offenheit zuhören. Solch ein Gespräch pflanzt einen kleinen Samen der Heilung.

Eine Möglichkeit für solche öffnenden Gespräche bietet auch der Global Peacebuilder Summit, bei dem Friedensstifter aus verschiedensten Kulturen zusammenkommen und die Herausforderung eines Aktivismus unter ständiger Bedrohung des eigenen Lebens miteinander teilen. Dazu gehören sowohl der Schmerz als auch die kleinen und großen Erfolge – und das Erleben, nicht allein zu sein. Der Initiator dieser Begegnung, der Journalist Michael Gleich, beschreibt, was es menschlich bedeutet, sich so tief der Heilung einer Kultur zu widmen.

Diese Ausgabe haben wir mit Arbeiten der Künstlerin Anja Mattenklott gestaltet, die mit dem Global Peacebuilder Summit zusammenarbeitet und die Friedensstifter porträtiert. Einige dieser Porträts finden sich in dieser Ausgabe – neben weiteren Bildern der Künstlerin, in denen die Vielfalt unserer Welt einen malerischen Ausdruck findet.

Der offene Dialog unterschiedlicher Sichtweisen ist für uns bei evolve immer mehr zum Leitmotiv geworden. Die zunehmende Resonanz zeigt uns, dass unser konstruktiver Journalismus von immer mehr Menschen als bereichernd und inspirierend wahrgenommen wird. Wir würden diesen Dialog gerne noch mehr Menschen zugänglich machen. Deshalb ist es unser Ziel, die Abonnentenzahlen von jetzt rund 1.500 bis Ende 2018 auf 3.000 zu verdoppeln. Wir freuen uns sehr, wenn Sie uns dabei unterstützen. In einem ersten Schritt wollen wir bis Weihnachten dieses Jahres 500 Abos dazugewinnen – und starten deshalb in diesem Heft eine große Geschenk-Abo-Aktion (mehr Infos im beigelegten Schreiben und auf Seite 4). evolve ist unser Geschenk an Sie, vielleicht möchten Sie es selbst zum Geschenk für Ihre Freunde und Bekannten machen und dadurch den Dialog über die Zukunft unserer globalen Kultur erweitern.

Herzlichst
Mike Kauschke


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