»Wir alle sind Instrumente in Gottes Hand«

screenshot_2452Aus dem Leben eines Geigenbauers

Martin Schleske zählt zu den besten Geigenbauern unserer Zeit. Meisterschaft ist für ihn ein in die Zukunft offener Prozess, eine permanente Gratwanderung zwischen Zulassen und Gestalten. Wir sprachen mit ihm über die Leidenschaft für das Besondere und die Ehrfurcht vor dem, was wir nicht machen können.

evolve: Woher rührt Ihre Faszination für das Geigenbauen? Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Martin Schleske: Schon als ich mit 17 Jahren meine Ausbildung an der Geigenbauschule in Mittenwald begonnen habe, hat mich begeistert, nach welchen unterschiedlichen Fähigkeiten dieser Beruf fragt. Das Handwerk ist die Basis. Musik ist etwas sehr Sinnliches und dem Herzen nahe. Und es braucht den Kopf, die Physik, die Wissenschaft und Forschung, das Verständnis der Akustik. Über diese Verbindung bin ich glücklich.

evolve: Sie haben gerade vom Herzen gesprochen. Exzellenz lebt ja von einer tieferen Inspiration. Was ist für Sie die tiefere Quelle Ihres Schaffens?

Martin Schleske: Ich unterscheide gerne zwischen Intuition und Inspiration, und es braucht beides. Intuition bedeutet, in das Holz hineinzuspüren, hineinzuhören in das, was geschieht, wenn man es bearbeitet. Inspiration ist für mich die völlige Empfänglichkeit für das, was man nicht wissen kann. Es ist das Wagnis, dass ich mich überraschen lasse von dem, was passiert. Für mich ist Geigenbau so, als ob ich mit den Händen bete. Die Freude der Seele dabei ist für mich die Kraftquelle der Intuition. Und die Stille des Betens ist die Quelle der Inspiration. Ich habe im Dachgeschoss meiner Werkstatt einen Ort, an den ich mich mehrmals täglich zurückziehe in die Stille. Musik kommt aus der Stille und aus der Liebe zur Stille.

evolve: Meisterschaft scheint die Grenzen des Möglichen immer wieder anzutesten und zu verschieben. Deshalb berührt sie uns. Wie erleben Sie das in Ihrer Arbeit?

Martin Schleske: Es ist eine Spannung zwischen dem Zulassen und dem Gestalten. Die Dinge nur gestalten zu wollen, hat etwas Zwanghaftes. Dann will ich etwas durchsetzen. Aber eine Geige ist keine Konstruktion, sondern ein Schöpfungsakt. Und Schöpfung bedeutet, auf das Gegebene zu achten. Es ist die Ehrfurcht vor dem Holz, es zu fragen, was möglich ist. Es geht nicht darum, gar nicht zu gestalten, das wäre Willkür. Schöpfung lebt aus einem inneren, leidenschaftlichen Antrieb, der zugleich wach dafür ist, dass jede Geige anders ist. Anders als ich wollte und dachte, aber für sich richtig und stimmig.

evolve: Sie haben einmal gesagt, dass die Vollkommenheit einer Stradivari-Geige darin liegt, nichts Besonderes sein zu wollen. Was bedeutet Perfektion im Kontext von Meisterschaft?

screenshot_2451Martin Schleske: Perfektion ist für mich eine hochgradig gefährliche oder sogar destruktive Eigenschaft. Ein Perfektionist nimmt allem, was er berührt, das Leben. Da ist kein Raum, dass die Dinge wachsen, weil sie schon vorweggenommen sind. Vollkommenheit ist für mich die Barmherzigkeit mit dem Nichtperfekten. Ich nehme das an, was ich vorfinde, und versuche, das Potenzial zu erkennen, das darin schlummert. Im Vordergrund steht, was werden kann, was wachsen kann. Eine gute Geige ist nie perfekt. Ihr Klang hat Charakter. Es geht darum, Entfaltung zu erlauben. Dann kann das Stimmige hervortreten.
 
Lesen Sie das komplette Interview in der evolve Ausgabe 14 / 2017


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