Generationen-Zank oder Zauber: Vom achtsamen Dialog zum reifen Miteinander – Teil 4

Zwischen zwei Heiligenfeld-Kongressen
Teil 4: Habt Erbarmen mit uns!

Von Viola Karczewski und Katharina Daniels

Heut’ wird der Spieß mal umgedreht, federführend spricht heut’ mal eine Stellvertreterin der Generation Y, ich, Viola. Die ersten drei Folgen hat meine Kollegenfreundin Katharina geschrieben und ich hab’ mit drüber geguckt und gegengelesen. Ab dieser Folge andersrum! Heute geht es in unserer Reihe um ein leicht emotional angehauchtes Statement über den normalen Alltagswahnsinn. Und wie gut gemeinte Tipps eben längst nicht immer auf fruchtbaren Boden fallen.

Was meine ich mit „Habt Erbarmen“?! Bei der Recherche für diesen Beitrag sind uns einige Buchtitel aufgefallen, die mehr aus meinem Alterscluster kommen: „Ihr versteht die Welt nicht mehr“, „Ihr habt keinen Plan“, „Macht Platz da“, um nur ein paar Beispiele zu nennen – dass diese Titel eher provozieren sollen und vermutlich auch eher dem Verkauf dienen als dem Dialog miteinander, ist wohl relativ wahrscheinlich.
Und doch, natürlich ist da auch was dran. Und ja, auch ich erwische mich immer mal wieder dabei, wie ich innerlich die Augen verdrehe, wenn ich gefühlt zum 100. Mal älteren Mitmenschen in meinem Umfeld erkläre, warum eine SMS eher weniger genutzt wird und inwiefern Messenger wie WhatsApp oder Telegram diese abgelöst haben.

Willkommen in einem kleinen Auszug meines Alltags!

Doch wie oft muss ich mir auch sagen lassen, dass ich doch gar keine Probleme haben müsste? In der heutigen Zeit und in unserem Kulturkreis ist es doch gar nicht schwierig, selbstbestimmt, durchs Leben zu gehen.
Aaaahh ja, liebe Menschen, die Ihr schon ein paar Geburtstage mehr gefeiert habt:

• Wisst Ihr eigentlich wie das ist, wenn Du auf einmal nahezu täglich irgendwelche neuen Plattformen kennen musst, um – auch beruflich – “up to date” zu sein?
• Wie es ist, wenn Du überall digital Deinen Lebenslauf hinterlegen musst, damit Du ja Deine Netzwerke ausbauen kannst?
• Wenn es auf einmal normal wird, über das Internet zu erfahren, was Deine Freunde so machen?
• Wie es ist, neue Medien kennenzulernen, bei der jeder – entschuldigen Sie den Begriff – unterbelichtete Homo Sapiens Inhalte produzieren kann? Und Du dich evtl. dazu äußern solltest …

Wie oft hörte ich in den vergangenen Monaten, dass Ignorieren inzwischen nicht mehr reicht. Klar Meinung beziehen. Also auch da liegt eine Aufgabe. Informiert sein war mal das eine, nun bitte auch, am besten immer, eine klare Haltung zu komplexen Themenfeldern haben. Ah ja.
Innerhalb von Stunden sind neue Trends geschaffen oder ein Thema in aller Munde. Oder, um im guten alten Jargon zu sprechen: ist Ihnen eigentlich bewusst, wie rasch inzwischen Säue durchs Dorf getrieben werden?

24 / 7: Digital Detox – permanent!

JA, ich bin für Meinungsfreiheit und ja ich bin für Individualität. Doch inzwischen ist es für mich normal, „digitalen Detox“ zu betreiben, da mein Handy im Grunde mein Leben beinhaltet: schnell ein Zugticket buchen – kurz übers Handy. Ein Kleidungsstück für den Urlaub finden – ich schau mal schnell bei Amazon oder Kleiderkreisel. Überhaupt Urlaub buchen – ich guck’ mal kurz auf den diversen Websites – oohh ja toll, ein 20 % Gutschein; das buche ich. Und die Kommunikation mit meinem Auftraggeber per Email (natürlich auf das Handy) oder direkt per Messenger. Onlinebanking – gar kein Problem.
Nun wird es auch noch en vogue, mit dem Handy zu bezahlen. „Wie, das hast Du noch nicht eingerichtet? … wann willst Du das denn endlich mal machen?!“ Und was ich nicht alles laut meiner Timeline benötige. Schon beim Schreiben wird mir schwindelig. Und ja, hin und wieder ist das einfach anstrengend. Es sorgt für Hektik. Reizüberflutung. Permanent. Und mein Handy kennt vermutlich meinen Puls besser als ich selbst.
Google hat schon vor Jahren mal die Vision ausgesprochen, dass sie einen “gläsernen Menschen” haben wollen. Und die digitale Gesundheitsakte ist auch in greifbare Nähe gerückt. Habt Ihr sowas in Eurer Zeit auch erlebt? Wohl eher NEIN!
Und ja, jede Generation hat ihre Herausforderungen. Und ja, zum Glück hab‘ ich bisher keinen Krieg in meinem Leben erleben müssen. Doch mal ehrlich, das Internet wird nicht mehr abgestellt. Die Spielregeln für den Markt haben sich geändert. Die VUCA- Welt (volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig) ist sehr viel greifbarer geworden als noch vor 20-30 Jahren.

Verständnis ist keine Einbahnstraße

Und nun verrate ich mal was: wir, “die” jungen Menschen, wissen auch nicht, wie es geht. Gefangen zwischen den guten alten Regeln und Ratschlägen der vorherigen Generationen, den Benimmregeln, der ständigen Vergleichbarkeit untereinander, den vermeintlich unendlichen Freiheiten, den Appellen, wie: “Lebe gesund, sei einfach”- “Stress ist nicht gut für Dich. Mach’ mehr Sport.” und “Bitte iss’ doch nur noch Gesundes – ich kenn’ da übrigens ‘ne ganz tolle App” – sollen wir jetzt auch noch achtsam im Umgang mit den alten, leider auch oft, überholten Arbeitsweisen, Lösungen und sicher guten Absichten der anderen Generationen umgehen? Sorry, aber da wird echt viel verlangt.
Ich kann eins sagen, nur weil ich im Internet eher positiv und selbstbewusst auftrete, hab‘ ich, wie jeder Mensch auch, meine Dämonen, meine Ängste. Und auf so viele Fragen habe ich eben keine Antworten. Und mir persönlich setzt es zu, dass mir gerne mal von Älteren gesagt wird, dass ich doch total frei bin. “Früher war das ja anders, da musste man sich an die Regeln halten.” Ach ja? Ich bin nicht so weit weg von “damals”. Zumindest innerlich.
Also, wenn wir provozieren oder Abgrenzendes sagen oder die Augen verdrehen, dann ist das vielleicht einfach normal, ein Zeichen von unserer Überforderung und vielleicht ist auch wirklich mal was dran. Keiner weiß, was auf uns zukommt, inwiefern sich Arbeitsplätze ändern und wie gut oder wie schlecht wir darauf vorbereitet sind. Wir wissen nur, dass es vor 50 Jahren noch kein Internet gab und wir nicht wissen, was für Veränderungen noch auf uns zu kommen.
Und genauso ist der Ansatz “Arbeite fleißig, dann wird das schon alles” überholt. Work Smart! Ist das neue Credo. Wie das geht, joar … das lernen wir. Also bitte: Habt Erbarmen, wenn wir manchmal herumschimpfen. Wenn wir glauben, etwas besser zu wissen.
Auch wir wissen tief in unserem Inneren, dass wir nicht an diesem Punkt wären, wenn die Generationen vor uns dafür nicht gesorgt hätten. Egal, ob ich das nun positiv oder negativ bewerte: das ist das Erbe. Und wir versuchen lediglich die neuen Bedingungen zu erfassen und mit ihnen umzugehen. Nicht mehr und nicht weniger – schließlich sind wir ja alle nur Menschen.

Teil 1: Jugendbashing auf Tontafeln
Teil 2: Vom achtsamen Dialog zum reifen Miteinander
Teil 3: Wenn wir nur wollen würden ….
In Kürze folgt der abschließende Teil 5 “Alt und Jung in Unternehmen”: Seid gespannt

Die Autorin Viola Karczewski, Jahrgang 1988, ist Veränderungsbegleiterin für Transformationsprozesse, für Menschen im privaten Wandel und in Unternehmen. Die Autorin Katharina Daniels, Jahrgang 1956, arbeitet als Kommunikationsberaterin für Unternehmen und als Publizistin. Beide entwickeln unter dem Dach der Verbundinitiative “authentisch anders. Kulturwandel in Unternehmen und Gesellschaft” ein Lern- und Erlebnis-Format für das Spannungsfeld “Generationen im Unternehmen”.

Hier lesen Sie mehr zur Zusammenarbeit der beiden Autorinnen