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Bilder der Heimat: Ein Interview mit dem Künstler Christian Kreisel

Die Ausgabe 24 von evolve zum Thema “Offene Heimat: Wie kann sie gelingen?” konnten wir mit den Arbeiten des Malers Christian Kreisel gestalten, der sich in seinen Bildern auch mit dem Thema Heimat auseinandersetzt. Wir sprachen mit ihm über seine Kunst.

evolve: Können Sie zum Einstieg kurz erläutern, mit welchem Anliegen, mit welcher Intention Sie Ihre künstlerische Arbeit betreiben.

Christian Kreisel: Ich komme vom Graffiti. Damals ging es mir mehr darum, einen Bekanntheitsgrad zu erreichen, eine große Intention hatte ich nicht. Später begann ich ein Studium der Philosophie und merkte, dass es mir über die Kunst leichter fällt, Zugang zu philosophischen Themen zu finden und sie zu bearbeiten. Mein Anliegen war dabei immer, dem Betrachter ein Bild zu präsentieren, aus dem er eigene Schlüsse ziehen kann. Ich wollte nicht bekehrend sein oder die Wahrheit ans Licht bringen. Mir ist und war es wichtig, dass jeder seine eigene Wahrheit zu dem bestimmten Thema findet. Ich betrachte ein Bild als ein Medium, das einen möglichen Denkprozess in jedem Einzelnen in Gang setzt. Das ist mein eigentliches Anliegen.

e: Sie sagten anfangs, Sie hätten mit der Streetart und dem Graffiti angefangen. Gab es da einen besonderen Impuls, eine Faszination, die Sie dahin geführt hat?

CK: Ich bin ja ein Wende-Kind. Als die Wende kam, war ich 12 Jahre alt und kam relativ schnell in Berührung mit Hip-Hop. Hip-Hop bestand damals aus einer großen Community mit Graffiti, MCing, DJing und Breakdancing. Da ich schon immer gemalt hatte, war es naheliegend, mich mit Graffiti auseinanderzusetzen. Diese bunten Buchstaben auf U-Bahnen oder auf Wänden – das war eine große Faszination und da blieb ich auch dran. Natürlich mit der typischen Karriere, was bedeutet, dass man erwischt und von der Polizei nach Hause gebracht wird. Ich hatte aber das Glück, relativ schnell Aufträge zu bekommen. Wenn man jetzt meine Arbeiten anschaut, sieht man ganz klar, wo ich herkomme. Im Laufe der Zeit habe ich neue Medien hinzugenommen, aber letztendlich ist die Sprühdose wieder Teil meiner Arbeit.

e: Die Nutzung dieser verschiedenen Methoden – Ölmalerei, Siebdruck, fotographische Elemente und das Sprühen – scheint ein Kennzeichen Ihrer Arbeiten zu sein. Wie hat sich diese Arbeitsweise entwickelt?

CK: Es ist wie ein Besuch im Supermarkt, bei dem ganz viele Sachen eingepackt werden, um ein Menü zu kochen, das am Ende gut schmeckt. Mein erster Lehrer, Nikolai Makarov, hat immer gesagt: »Du musst selbst experimentieren, ich kann dir alles sagen, aber du musst es selbst ausprobieren.« Entweder es funktioniert oder es funktioniert nicht. Also, der Warenkorb wurde immer voller und jetzt koche ich einige Menüs. Ob sie schmecken oder nicht, das ist Ansichtssache. Und es kommt immer mehr dazu, da bin ich offen. Das ist auch meine Freiheit, die ich mir genommen habe, um alles, was mich interessiert, zu nutzen und zu schauen, was passiert.

e: Sie haben vorhin davon gesprochen, dass Sie die Malerei dazu nutzen, sich mit philosophischen Themen auseinanderzusetzen. Wie finden Sie die Themen für Ihre Arbeit und wie sieht der Prozess der Bearbeitung aus?

CK: Die Themen kommen einfach, vielleicht auch aus einem Lebensprozess heraus. Wenn ich ein Thema ausbaue, dann aus einem Interesse heraus. Ich recherchiere, gehe in die Bibliothek und ins Internet. Das ist ein Prozess, der anfängt, und der – wenn ich nicht irgendwann aufhöre und ein neues spannendes Thema finde – auch immer weiterbearbeitet wird. Das Thema »Heimat« ist ja riesig groß. Hätten Sie mich vor zwei Jahren gefragt, was «Heimat« ist, hätte ich darauf komplett anderes geantwortet als heute. Aus der Fülle der Gespräche, der Recherchen in Bibliothek und Internet, der eigenen Erfahrungen und auch über das Einfühlen in das Thema entstehen die Bildideen. Wenn ich ein Thema bearbeite, arbeite ich sehr konzeptuell; so weiß ich schon vorher, was ich eigentlich malen will. Das Künstlerische findet eher im Kopf statt, und die Umsetzung ist dann das Handwerkliche.

e: Also versuchen Sie, verschiedene Facetten oder Aspekte des Themas bildlich auszudrücken, wie jetzt z. B. beim Thema »Heimat«.

CK: Genau. Ich bin auch stark geprägt von Symbolismus, einem Stil, der mich schon immer fasziniert hat. Diese Symbole in der Bildsprache fand ich schon immer spannend, wie zum Beispiel der Schmetterling in der barocken Malerei für Metamorphose/Transformation steht.
Mit bildlichen Mitteln diese Symbolik zu schaffen und aus dem Prozess heraus das Thema zu bearbeiten – das ist meine Idee. Das hilft mir, wenn ich konzeptionell arbeite, mich am Thema entlangzubewegen und damit zu arbeiten. Mittlerweile gebe ich dem Impuls auf der Gefühlsebne einen Raum, dieser erfährt sich dann in einem Prozess des Loslassens oder des Zulassens.

e: Wie sind Sie auf das Thema »Heimat« gekommen?

CK: Ich bin so eine Art Seefahrer, der immer überall unterwegs war und ist, ob mit einem Flugzeug oder mit meinem Camper. Als mein Sohn geboren wurde, fing ich an, darüber nachzudenken, ob es nicht sinnvoll wäre, sesshafter zu werden und auch dieses Leben mit zwei Kindern zu genießen und nicht immer dieser rastlose Mensch zu sein, der etwas sucht, was da draußen ist. Also ruhig zu werden, sich zu erden, Wurzeln zu schlagen. Damit begann das Thema »Heimat«, es kam die Frage: Was ist Heimat? Ist es Kultur, ist es dieses Gefühl, sind es Symbole? Mittlerweile bin ich damit etwa acht Jahre lang im Prozess.

e: Sie sagten vorhin, dass sich Ihr Verständnis oder Ihr Bezug zum Thema »Heimat« verändert hat und sich in den letzten Jahren noch einmal ganz neu gezeigt hat. Können Sie dazu etwas sagen?

CK: Ich habe immer gedacht, dass »Heimat« etwas ist, das man außerhalb seines Selbst findet, dass es etwas Ortsbezogenes oder eine bestimmte Stimmung ist. Mit einigen Bildern habe ich versucht, diese Stimmung von »Heimat« einzufangen. Ist Heimat da, wo man seine Kindheit verbracht hat, seine Kinder großzieht, seinen Acker bestellt oder sein Haus baut? Heute glaube ich, dass man Heimat nur in sich selbst finden kann, in seinem Herzen.
Viele Menschen gehen heute spirituelle Wege, üben Meditation, Yoga oder erfahren sich auf Reisen. Sie kommen gerade an einen Punkt, wo sie sich vielleicht fragen: Ist Heimat das, was ich mir gekauft habe, wo ich mein Haus gebaut oder meine Kinder großgezogen habe, oder ist Heimat was anderes? Es sind viele rastlos, sie suchen letztendlich, ohne dass sie es so ausdrücken würden, immer noch ihre Heimat.
Wieder zu sich selbst kommen, sich auf sich selbst besinnen, ist vielleicht ein Stück weit der Weg, Heimat zu finden.
In dem Moment, wo man aus dem Mutterschoß rausgepresst wird, ist man ein Stück heimatlos. Danach sucht man dieses Geborgene im Mutterschoß, seine Heimat. Das ist meine eigene Philosophie zu »Heimat«. Es ist allerdings schwierig, das wirklich bildlich umzusetzen. Ich glaube, dass die Arbeiten abstrakter werden müssten, um ein entsprechendes Gefühl im Betrachter zu erzeugen. Also eine Bildsprache zu entwickeln, die den »Bildinterpretierer« in seinem Sein abholt und eine Entdeckungsreise entstehen lässt, um seine eigene Wahrheit zu erfahren.

e: Könnte das die künstlerische Herausforderung für die Zukunft sein, dass Sie bildlich ausdrücken, was Sie fühlen, wenn Sie »Heimat« in sich selbst zu finden versuchen?

CK: Ja, durchaus. Durch das Loslassen von Symbolik bin ich freier geworden. Da ist nichts Greifbares, jeder kann etwas anderes hineininterpretieren, weil es abstrakt ist, weil es »leer« ist. Ich habe schon versucht, eine neue Tiefe zu erreichen, vielleicht bringt diese Tiefe genau dieses Abtauchen in sich selbst zum Ausdruck. Es ist natürlich viel einfacher, mit Symbolik zu arbeiten. Die Frau, die am Strand steht und auf den Matrosen wartet, der mit dem Schiff wieder heimkommt: Da ist der Hafen die Heimat. Das kann man erklären. Die innere Heimat ist abstrakt und schwierig zu erklären. Deshalb sind die Bilder, die jetzt entstehen, eher abstrakt.

e: Die Symbole in den Bildern, die Sie zum Thema »Heimat« aufgreifen, durch die Gestaltung bildlich aufschließen oder auch verfremden, bergen ja auch eine Art Gefahr, nämlich die Gefahr der Verkitschung, oder dass Sie mit Symbolen arbeiten, die einen großen kulturellen Ballast haben, durch ihre Verwendung im Nationalsozialismus oder in der DDR. Wie gehen Sie damit um?

CK: Ja, bei einigen Bildern haben mich Leute angesprochen und gesagt: »Na, so politisch korrekt ist das wohl nicht?« Aber ich kann ja nichts dafür, dass die Nationalsozialisten dieses alte Thema »Heimat« in ihrem Sinne aufgegriffen haben. Ich habe versucht, mich davon nicht beeinflussen zu lassen, denn das würde mich in meiner Arbeit behindern. Ich wollte mich nicht begrenzen lassen in meiner Auseinandersetzung mit diesem Thema. Ich habe mich zum Beispiel mit den »Nibelungen« beschäftigt, einem typisch deutschen Kulturgut, einem Heldenmythos, der schnell starke nationale Gefühle hervorruft. Auch das gehört für mich zur Auseinandersetzung mit »Heimat«.
Es gab durchaus Leute, die das, was ich zum Thema »Heimat« darstelle, ganz anders interpretieren. Jeder hat seine eigene Auseinandersetzung mit dem Thema. Ich versuche, meinen persönlichen Gesichtspunkt darzustellen, um so dem Betrachter einen Anstoß zu geben in der Auseinandersetzung mit der Frage: Was ist Heimat für mich? Ich gebe das Bild frei, die Interpretation ist dann eine persönliche.
In Gesprächen auf Vernissagen habe ich schon viele neue Ideen aufgenommen. Da werden Geschichten erzählt, und auf einmal wird das Thema noch viel größer. Ich würde auch gerne hören, wie die jungen Leute zum Thema »Heimat« heute stehen. Möglicherweise ist für sie die ganz Welt die Heimat.

e: Das ist wahrscheinlich dieser Denkprozess, von dem Sie anfangs sprachen. In dessen Verlauf sich verschiedene Bedeutungen ergeben, die das Thema aufschließen, es aber auch komplexer werden lassen. Eine abschließende Antwort gibt es wahrscheinlich auch gar nicht.  Wie ist das mit dem Thema »Protest«? Warum hat es Sie so interessiert, dass Sie dazu arbeiten wollten?

CK: Zu dem Zeitpunkt gab es den G20-Gipfel, den G8-Gipfel, Occupy Wallstreet und die damit einhergehenden Proteste. Die Leute gingen wieder auf die Straße, und einige Wochen später war diese Energie wieder weg, weil die nächsten Nachrichten kamen. Ich wollte mit meinen Bildern erreichen, dass diese Energie nicht verloren geht. Unser Problem mit den digitalen Medien besteht doch darin, dass immer so viel Neues dazukommt, dass man es nicht mehr aufnehmen kann.
Ich wollte diese Energie, die ich in den Fotos gesehen habe, aufnehmen. Aus den Fotos machte ich einen Print und bearbeitet ihn mit Farbe, wobei ich durch den Pinselduktus meine Energie hineingeben konnte, also meine Energie gepaart mit der Energie der Fotos. Ich glaube, dass die Kunst mein Medium ist, um eine Position zu beziehen.
Gerade arbeiten wir in der StreetartCrew HNO an einem neuen Thema: »SAVE OUR SEAS«. Wir lieben das Meer, und wenn wir dann an die Strände kommen und sehen, wie verdreckt sie sind, haben wir das Gefühl, hier muss mit dem Medium Kunst etwas getan werden. Allerdings ohne daraus so ein politisches Ding zu machen. Unser Ziel ist eher, ein Bewusstsein zu schaffen und einen Denkanstoß zu geben, mit dem sich jeder auseinandersetzen kann. In gewissem Sinne ist »SAVE OUR SEAS« eine Weiterführung von »Heimat«: Wir kommen ja möglicherweise alle aus dem Meer, es umschließt uns, es umschließt sogar unsere Heimat.

e: Ist für Sie so ein Thema zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeschlossen?

CK: Das ist eine gute Frage. Aus meiner jetzigen Sicht würde ich sagen, ich nehme es, wie es kommt. Wenn ich jetzt sagen würde, das Thema ist »durch«, würde ich mir ja wieder Grenzen setzen. Mittlerweile arbeite ich aus dem Herzen heraus. Und wenn das Gefühl es sagt, tu ich das.
Im Moment geht das Thema »Heimat« nach innen und das Thema »SAVE OUR SEAS« beschäftigt mich momentan sehr intensiv. Da kann ich nicht sagen, was morgen ist. Vielleicht tritt das Thema »Protest« wieder in den Vordergrund. Da will ich mich nicht reglementieren. »Alles ist im Prozess« – das ist mein Wahlspruch. Der endet erst dann, wenn mein Körper von Mutter Erde wieder aufgenommen ist. Und dann ist dieser Prozess zumindest als Christian Kreisel vorbei.

e: Ich habe noch eine Frage zu Ihrer Arbeitsweise. Sie haben vorhin angedeutet, dass Sie einen Druck von einem Foto erstellen und ihn farblich gestalten oder ein symbolisches Bild farblich erweitern oder ausformen. Können Sie dazu noch etwas sagen?

CK: Zunächst gibt es immer einen zu bearbeitenden Untergrund (Leinwand, alte Landkarten, aussortiertes Lego). Danach kommen die symbolischen Formen hinzu. Das muss übrigens nicht über ein Foto geschehen, oft sind es auch Zeichnungen von mir. Beim Thema »Protest« ging es schon darum, eine Nachricht festzuhalten, deshalb habe ich Fotos aus den Medien benutzt. Ich fotografiere auch selbst, mache aus Fotos Collagen, die dann wiederum über das Siebdruckverfahren auf die Leinwand gelangen.
Im weiteren Prozess arbeite ich mit Acryl- und Ölfarbe die Dynamik und Stimmung heraus. Um in den inneren Bereich zu kommen, um näher an das Gefühl »Heimat« in sich selbst zu kommen, gehe ich vom Herzen aus, nicht von einem Konzept, das im Kopf entsteht. In diesen Arbeiten male ich aus dem Gefühl heraus. Wenn sich Leere im Kopf eingestellt hat, beginnt der Fluss zu strömen und materialisiert sich über die Farbe.

e: Sehen Sie die Zukunft Ihrer Arbeit darin, mit diesen beiden Aspekten – dem symbolischen und dem abstrakten – zu experimentieren?

CK: Ja, ich glaube schon. Ich habe gerade wieder die Arbeit an einem Bild aufgenommen. Da kam einer dieser guten Impulse (der Genius), aber nicht über ein strukturelles Denken, sondern über ein Gefühl.
Wie gesagt, alles ist immer im Prozess.

Das Gespräch führte Mike Kauschke.

Christian Kreisel arbeitet als Maler in Frankfurt/Oder. In Berlin als »Wendekind« in der Graffiti-Szene großgeworden, nutzt er heute eine Vielzahl von Techniken und Materialien wie Ölmalerei, Siebdruck, Fotografie, Zeichnung, Graffiti oder Legosteine.

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